Der FlĂŒgel ist weg.

Meine HĂ€nde zittern. Mein sonst so stilles Elternhaus ist erfĂŒllt von wunderschöner Klaviermusik. Mir laufen die TrĂ€nen runter. Ein weiterer Abschied steht bevor. Oben spielt eine Interessentin den FlĂŒgel zur Probe. Ich habe sie bewusst allein gelassen, da mir schon klar war, dass ich die TrĂ€nen wahrscheinlich nicht zurĂŒckhalten kann.

Das will ich auch gar nicht. „Alles raus, was keine Miete bezahlt“- sprich die TrĂ€nen laufen zu lassen – funktioniert fĂŒr mich am besten. Es ist doch ein großes StĂŒck Familiengeschichte, das ich, das wir gehen lassen. Vielleicht schreibe ich dem FlĂŒgel auch einen Brief. Dem Auto Karl-Heinz habe ich ja auch schon einen geschrieben. Ach, ich mag das. Also gut:

Der FlĂŒgel. Ein ErinnerungsstĂŒck aus meinem leeren Elternhaus.

31 Jahre hast du hier gewohnt und warst ein ganz besonderer Teil unserer Familie. Was war das fĂŒr eine Aufregung als du 1989 von vier starken MĂ€nnern durchs Treppenhaus hochgewuchtet wurdest.

Deine Geschichte war immer Teil unserer Familie. Papa hat dich unserer Mama zur Silberhochzeit geschenkt. Sie wollte immer Klavier spielen, aber nach dem Krieg war einfach kein Geld da. Und da hat Papa dich einfach meiner Mama geschenkt. Statt der Reise auf die Fidschi-Inseln, die er eigentlich immer zur Silberhochzeit machen wollte.

Über 20 Jahre ist Ulrich H. dann zum Klavierunterricht zu unserer Mama und dir nach Hause gekommen. Manchmal wenn ich krank war und nicht in der Schule, habe ich mich hingesetzt und euch einfach nur zugehört. Das Haus war so voller Musik durch dich. Danke dafĂŒr. Gerade zu Weihnachten warst du ein fester Bestandteil. Das Mamilein hat das Weihnachtsglöckchen gespielt und wir haben laut und schrĂ€g Weihnachtslieder gesungen, zu denen ihr uns begleitet hat. Was fĂŒr schöne Erinnerungen.

Meine Mama am FlĂŒgel. Ein ErinnerungsstĂŒck aus meinem leeren Elternhaus.
UngefÀhr sechs Monate vor Mamas Tod haben wir noch ein wunderschönes Weihnachtsfest zusammen gefeiert.

Nun ist es ein großer Schritt, dich gehen zu lassen. Aber du bist mit deinen 174 Zentimetern (und ĂŒber 300 Kilo) einfach zu groß fĂŒr unser Zuhause. Ich habe mich ganz lange davor gedrĂŒckt, eine Anzeige mit deinen Bildern einzustellen und es auf meiner ToDo-Liste immer weiter auf die nĂ€chste Woche verschoben.

Am letzten Dienstag habe ich dann genau hier an meinem Platz in der KĂŒche meines Elternhauses endlich die Anzeige gemeinsam mit meiner Schwester erstellt. Und ich bin so dankbar, dass eine so nette Frau und gute Pianistin am Mittwoch nach dir gesucht hat und du nun in einer tollen Familie in gute HĂ€nde kommst. Das beruhigt mich sehr.

Ich wĂŒnsche dir alles Gute in deinem neuen Zuhause. Danke fĂŒr all die wunderschöne Musik und auch die schrĂ€gen Töne, wenn meine Kinder auf dir gespielt haben. Hurz und so. Ich vergesse dich nicht. Hab es gut und bring viel Musik in dein neues Zuhause.

Alles Liebe
Deine Karin

Meine Kinder am FlĂŒgel. Eins der ErinnerungsstĂŒcke aus meinem leeren Elternhaus.
Zum Abschied wird noch einmal krÀftig in die Tasten gehauen. Hurz.

Gibt es besondere ErinnerungsstĂŒcke in dem Haus oder der Wohnung, die du ausrĂ€umst oder ausrĂ€umen wirst? Womit verbindest du etwas und was hĂ€ngt fĂŒr dich daran? Ich wĂŒrde mich so sehr freuen, von dir zu hören. Danke, dass du da bist.

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