Das Elternhaus ausr├Ąumen.

Ich habe gerade zwei Mal geklingelt. Wie immer, wenn ich zu meinen Eltern nach Hause gekommen bin. So eine Art geheimer Klingelcode, trotz meines Haust├╝rschl├╝ssels. Zwei Mal klingeln, ich bin da. Es macht nur niemand mehr die T├╝r auf. Meine Eltern sind tot. Das Haus ist leer.

Gerade sitze ich am K├╝chentisch, den mein Vater selbst gebaut hat, auf meinem Platz. Die Pl├Ątze waren in unserer Familie fest vergeben. Auch wenn wir in der letzten Zeit nicht mehr so oft alle zusammen gesessen haben, so hatte doch jeder seinen Platz.

Was mir am Schwersten f├Ąllt, ist diese Stille. Diese Stille dort, wo doch so viel Leben war. Nur diese verdammte Uhr tickt. Drau├čen im Garten l├Ąuft der M├Ąhroboter und tut so, als w├Ąre alles wie immer. Ist es aber nicht.

Nach und nach r├Ąumen meine Schwester und ich das Haus aus. Angefangen mit den Dingen ohne gr├Â├čere emotionale Bedeutung wie Lebensmittel, Tupperdosen, Handt├╝cher, Bettw├Ąsche hin zu denen, die uns viel bedeuten: Aufzeichnungen, Fotos.

Eigentlich h├Ąngt an fast jedem St├╝ck eine Erinnerung: meine Katzentasse, aus der ich in meiner Kindheit meinen Kakao getrunken habe und sp├Ąter immer meinen Milchkaffee serviert bekommen habe. Die nehme ich mit und die bekommt einen Ehrenplatz. Eine Strickjacke meiner Mama habe ich am Tag ihres Todes angezogen und mitgenommen. Immer wieder trage ich sie und sie erinnert mich so sehr an sie. Gewaschen habe ich sie in den letzten zweieinhalb Jahren nicht. Ein Projekt sind auch die 65 Fotoalben, die unsere Mama liebevoll angefertigt hat und die wir nach und nach durchschauen und sortieren.

Bei jedem St├╝ck im Haus ├╝berlegen wir, kommt das weg, nimmt das einer von uns mit oder kann es vielleicht irgendwie noch einem guten Zweck dienen: wie das Insulin bzw. die Diabetes-Sachen meines Vaters, Klamotten, Bettw├Ąsche etc.

Und dann der ganze organisatorische Kram. Fernsehen und Internet sind l├Ąngst gek├╝ndigt, die Abschl├Ąge f├╝r Strom und Gas sind reduziert, die Hausratversicherung umgestellt und die Wohngeb├Ąudeversicherung kann bestehen bleiben. Dann nat├╝rlich alles auf uns ummelden. Und wie funktioniert das eigentlich mit der Grundbuchberichtigung? So vieles, an das man denken sollte.

Und auch so vieles, das man erst mal verstehen muss. Wie funktioniert das mit der Heizung? Was ist bei der Klosp├╝lung kaputt? Warum l├Ąuft besagter M├Ąhroboter nicht und bleibt in seinem H├Ąuschen? Wo finde ich die entsprechenden Anleitungen und Unterlagen? Was mache ich eigentlich mit den Klamotten meiner Eltern?

Ich finde, so ein Elternhaus leerzur├Ąumen ist ein Gro├čprojekt. Ein organisatorisches und ein emotionales. Was ich gemerkt habe? Ich brauche Zeit daf├╝r. Zeit, die Dinge in Ruhe zu machen um innezuhalten und Abschied zu nehmen. Auch wenn schon jede Menge Interessenten mit den Hufen scharren, die Zeit lasse ich mir nicht nehmen. Noch bin ich nicht an dem Punkt das Haus, das 37  Jahre lang mein Elternhaus war, loszulassen. Aber ich wei├č, dass der Moment kommen wird, an dem ich bereit daf├╝r bin.

Wenn ich mich gleich wieder auf den Weg mache, dann mache ich die Warnblinkanlage an. Wie immer, wenn ich oder wenn wir gefahren sind. Meine Eltern und sp├Ąter mein Vater haben immer an der Haust├╝r oder aus dem Arbeitszimmerfenster zum Abschied gewunken. So habe ich meine beiden Eltern das letzte Mal gesehen, bevor sie gestorben sind. Ich bin noch nicht bereit, ohne zu fahren.

Wie ist das bei dir? Hast du auch schon mal eine Wohnung oder ein Haus ausger├Ąumt oder steht dir das Ganze bevor? Was waren wichtige Dinge f├╝r dich? Ich w├╝rde mich riesig freuen, wenn du mir ÔÇô gerne per Kommentar ÔÇô davon berichtest. Danke, dass du meinen Beitrag gelesen hast.

34 Kommentare zu “Das Elternhaus ausr├Ąumen.

  1. Boah, mir sind gerade die Tr├Ąnen gekommen. Puh. Traurig und sch├Ân.
    Ich f├╝hle ein bi├čchen nach, wie das Haus meiner Gro├čeltern ausger├Ąumt wurde. Als Kind habe ich immer gesagt: hier werde ich sp├Ąter wohnen.
    Jetzt ist das gro├če Bauernhaus mit dem riesigen Garten, H├╝hnerstall und Karpfenteich verkauft. Es war und ist immer noch ein Prozess des Loslassens.
    Was f├╝r eine Aufgabe, Karin. Und gut, dass du dir den Raum daf├╝r nimmst.

    • Wow, danke Kerstin. Ich freue mich sehr, dass meine Gedanken und Erfahrungen dich ber├╝hrt haben. Und danke f├╝r die lieben Worte. Ich ├╝be das Loslassen jeden Tag ein St├╝ck und so wie es f├╝r mich passt. Danke.

  2. Servet Karsten

    Hallo liebe Karin,

    Es ist mir auch beim zweiten Mal nicht gelungen es zu lesen ohne dabei zu weinen.

    Als meine Mutter vor knapp 2 Jahren von uns gegangen ist, standen wir pl├Âtzlich ohne Eltern da.
    Das erste mal ihre R├Ąume betreten ohne das einen ihre Augen voller liebe anschauen. Obwohl sie immer wusste dass wir kommen war sie immer so aufgeregt dass sie zum Teil schon vor der T├╝re auf uns wartete. Dann pl├Âtzlich war es anders. Alles war leer, ├╝brig waren Gegenst├Ąnde die meine Eltern durch eine mehr oder weniger lange Zeit begleitet haben.
    Jeder Winkel roch nich nach ihr. Ich habe mir das eine oder andere von ihr mitgenommen um ein Teil von ihr bei mir zu haben. Ihren Morgenmantel, ein paar T├╝cher die sie getragen hat ein Kleid das ich ihr mal gekauft hatte und ihre Reisetasche die sicher schon bessere Tage erlebt hatte. Meine Mutter war eine sehr weltoffene Frau sie kam in den 60 er Jahren allein nach Deutschland, sie hatte nichts und niemanden au├čer sich selbst.
    Ich bewundere ihren Mut allein auszuwandern.
    Ich wei├č dass meine Mama sehr gerne sehr viel mehr von unserer sch├Ânen Welt gesehen h├Ątte, also nehme ich ihre Tasche auf all unseren Reisen mit. Ich wei├č dass es sicherlich ihr nichts bringt, aber ich habe das Gef├╝hl etwas von ihr begleitet mich.
    Das mit der Strickjacke kenne ich auch, ich habe die Strickjacke von meinem Vater mitgenommen. Eine Strickjacke die er so hatte ich das Gef├╝hl jeden Tag anhatte.
    Immer wenn ich die zwei besuchen ging, standen sie vor der T├╝re wen ich kam und beim gehen verabschiedeten sie mich wieder drau├čen mit den Worten ÔÇ× sag Bescheid wenn du angekommen bistÔÇť ich hab mich nat├╝rlich versucht immer daran zu halten, hab es aber auch manchmal vergessen, dann riefen sie an und fragten ob alles ok ist.
    Wie gerne w├╝rde ich jetzt sagen
    ÔÇ×Ich bin angekommenÔÇť

    Ich w├╝nsche euch Kraft beim ausr├Ąumen und nimmt euch so viel Zeit wie es n├Âtig ist.

    P S. Ich w├╝nschte ich k├Ânnte noch einmal mit Eurem Papa tanzen!

    • Liebe Servet,

      danke f├╝r deine Worte und deine Geschichte, die mich sehr ber├╝hrt. Ich finde es ├╝brigens einen ganz wunderbaren und tr├Âstlichen Gedanken, dass ihre Reisetasche dich begleitet. Von daher finde ich: Das bringt sehr viel.

      Und ich finde es sind diese kleinen (und mittelgro├čen und gro├čen) Momente, in denen man sie vermisst. Wie oft wollte ich am Anfang meiner Mama etwas erz├Ąhlen und habe erst dann bemerkt, dass das so nicht mehr geht.

      Ich danke dir auch f├╝r deinen guten W├╝nsche f├╝r unser Gro├čprojekt.

      F├╝hl dich gedr├╝ckt! Alles Liebe und Gute
      Karin

  3. Hallo Karin,

    Ich muss erstmal sagen, dass ich deine Seite ganz toll finde und froh bin, sie zuf├Ąllig gefunden zu haben.
    Du sprichst mir mit vielen Dingen einfach aus der Seele. Ich habe schon beim Thema Sargbeigaben einiges geschrieben und ich bin eigentlich gar nicht der Typ, der alles Kommentiert oder auf jeder Seite „seinen Senf“ dazu gibt.

    Auch ich habe fr├╝her immer erst 2x geklingelt, bevor ich die Haust├╝r bei meiner Mama aufgeschlossen habe und ich habe mich auch immer mit Warnblinker verabschiedet. Es kommt mir ein bisschen so vor, als wenn es meine Geschicht w├Ąre, die du da schreibst.

    Ich werde diesen Monat 40, habe einen Mann u 2 Jungs und keine Eltetn mehr.

    Mein Vater ist bereits vor 6 Jahren gestorben. Aber meine Eltern haben sich im derbsten Rosenkrieg getrennt als ich 21 war.

    Ich hatte zwar noch weiterhin Kontakt zu ihm, aber nicht mehr so Vater-Tochter-innig wie fr├╝her. Daf├╝r ist leider zu viel vorgefallen in jener Zeit. Es war f├╝r mich, als ob er ein 2. Mal gestorben w├Ąre, nur diesmal endg├╝ltig.

    Er starb total unerwartet.
    Samstags war er meistens in der N├Ąhe und kam dann auch kurz auf einen Kaffee rein. So auch an jenem letzten Samstag als ich ihn sah. Wir waren gerade dabei den Kindergeburtstag f├╝r unseren Gro├čen vorzubereiten. An jenem Tag wollten wir nachfeiern und h├Ąngten Luftballons am Eingang auf, als er kam. Er blieb noch k├╝rzer als sonst, da er merkte dass wir nicht viel Zeit hatten und sagte mir noch, „dass er mit mir was reden wolle, aber es ja in 1 Woche am n├Ąchsten Samstag noch reichen w├╝rde…“
    Dazu kam es nie. Mittwochs hatte er einen Hirnschlag und fiel von einer Leiter. Es war, wie wenn jemand einfach den Lichtschalter ausgemacht h├Ątte.

    Seine Lebensgef├Ąhrtin rief mich an , was sie sonst nie machte u sprach mir auf den Anrufbeantworter als ich einkaufen war. Somit war schon klar, dass etwas schlimmes passiert sein musste. Aber damit hatte ich nicht gerechnet.

    Ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich mich eines Tages an seinem Sterbebett mit ihm aussprechen w├╝rde. Jene Fragen, die ich an ihn hatte, die mir so brennend auf der Zunge lagen und ich mich nie traute ihm zu stellen…
    Auf einmal war alles vorbei. Peng. Einfach so. Licht aus. Endg├╝ltig.

    Meine Mama und mich hat der ganze Rosenkrieg sehr zusammen geschwei├čt. Ich habe versucht sie auf andere Gedanken zu bringen und wenn mein Mann am Wochenende auf Schichtarbeit war haben wir immer Ausfl├╝ge gemacht. Unter der Woche kam ich in meiner Mittagspause zu ihr, manchmal kam ich auch abends nach der Arbeit nochmal.
    Vor ca 10 Jahren kamen dann die Kinder. Erst sie haben es glaube ich wirklich geschafft sie manchmal auf andere Gedanken zu bringen.
    Aber selbst da hatte ich ab u zu das Gef├╝hl, sie dabei zu „erwischen“ wie sie gerade daran denkt, wie es gewesen w├Ąre, wenn mein Papa jetzt da w├Ąre und sie gemeinsam mit den Enkelchen Spielen und Ausfl├╝ge machen k├Ânnten…

    Sie konnte ihn glaube ich erst endg├╝ltig loslassen als er starb. Es h├Ârt sich makaber an, aber ich glaube es hat ihr sogar ein bisschen gut getan.

    Leider wurde sie 3 Jahre nach seinem Tod krank. Krebs. Sie wurde operiert, bekam Chemo und Bestrahlung. Das volle Programm.
    In ihrer Familie sind viele an Krebs gestorben. Sie war ein gebranntes Kind und hat da viel zu viel mit erlebt. Sie war tapfer und hatte aber insgeheim glaube ich wahnsinnige Angst. Anmerken lassen wollte sie sich das aber nie.
    Sie war immer auf „Frauenpower“ und „Stehaufm├Ąnnchen“…
    Nach 1 harten Jahr schien alles gut.
    2019 kam er zur├╝ck – wahrscheinlich schon fr├╝her – … der Krebs… Metastasen in der Lunge, letztendlich ├╝berall. So makaber, sie hat nie geraucht.
    Bis August 2019 ging es ihr noch relativ gut. Ab September kam dann ca alle 2 Wochen etwas neues hinzu. Oktober brauchte sie schon einen Rollator, fast einen Rollstuhl. Im Januar wurde sie dann erl├Âst .

    Jetzt hab ich viel anderes geschrieben…
    Zur├╝ck zum eigentlichen Thema.

    Ich komme nicht drum herum, ich werde Sachen aussortieren m├╝ssen.
    Am liebsten w├╝rde ich ihr Haus so lassen wie es ist. Und unser Haus auch.
    Dann w├Ąre es immer noch so, als ob ich zu ihr auf Besuch komme.
    Aber wir haben vor in ihr Haus – quasi 2 Strassen weiter – einzuziehen. Somit muss ich in 2 H├Ąusern entr├╝mpeln.
    Wir wohnen zur Zeit noch in einem Reihenhaus. Das haben wir 2013 erst gekauft und 1 Jahr lang nebenher noch renoviert. Sie hatte ein freistehendes Haus mit gro├čem Garten. Allerdings noch 70er Jahre Fliesen. Ihr M├Âbel aus der damaligen Zeit ist h├Âher wertiger als unseres…zum Teil Ikea. Ihr M├Âbel ist dunkel, unser M├Âbel ist sch├Ân hell.
    Geschwister habe ich keine. Jetzt stellt sich die Frage von was trenne ich mich?
    Ich bin kein Messie, aber im Dinge aufbewahren wegen Erinnerungen bin ich gut. Und 2 H├Ąuser passen nunmal nicht in 1.
    Da wir quasi 1 ganzes Lebensjahr unserer Kinder mit renovieren verbracht haben, m├Âchten wir eigtl nicht noch mal die Zeit f├╝rs renovieren opfern. Wer weiss wieviel Zeit uns noch bleibt? In ein paar Jahren sind die 2 gross und wollen nicht mehr bei Mama u Papa sein…
    Auf der anderen Seite k├Ânnte man in einem Haus wohnen und im anderen in aller Ruhe renovieren, ohne Baustaub…
    Die Jungs w├╝rden allerdings auch gerne die 70er Jahre Fliesen beibehalten. Ich h├Ątte gerne ein bisschen was nach unserem Geschmack gemacht. Wenn ich schon meine sch├Âne blaue Hochglanzk├╝che gegen eine dunkelbraune eintausche… etc.
    Allerdings muss ja vorher auch noch alles ausgemistet werden. Ich weiss nicht mehr, wo ich anfangen soll.

    F├╝r Ratschl├Ąge oder Tipps bin ich dankbar.

    Liebe Gr├╝sse, Tanja

  4. Liebe Tanja,

    ich habe eine G├Ąnsehaut bekommen, dass du auch zwei Mal geklingelt hast und dich mit dem Warnblinker verabschiedet hast. Es tut so gut zu h├Âren, nicht alleine zu sein.

    Da seid ihr ja wirklich in einer herausfordernden Situation mit den H├Ąusern. Ich bin das erste halbe Jahr relativ planlos durch mein Elternhaus gelaufen, habe immer wieder Schr├Ąnke aufgemacht und die f├╝r mich wichtigsten Sachen rausgenommen und dann wieder aufgemacht und wieder aufgemacht und nochmal aufgemacht. Was mir dann geholfen hat? Ich habe mir ein gro├čes wei├čes Blatt genommen und einen Plan gemacht: Zimmer f├╝r Zimmer, Thema f├╝r Thema (z.B. Bilder, Dias, Unterlagen). Vor jedem Punkt ist ein Kasten zum Abhaken. Bei allen Dingen habe ich mich gefragt, brauche ich das wirklich (als Erinnerung oder ganz praktisch) oder kann ich im n├Ąchsten Jahr auch gut ohne auskommen. Das hat mir bei der Entscheidung geholfen und so konnte ich schon viele Haken machen und das hat gut getan. Allerdings hat es auch wirklich Zeit gebraucht und erst ein halbes Jahr nach dem Tod meines Vaters konnte ich wirklich so strukturiert an die Sache rangehen. Da wir keinen Druck haben, war das aber auch gut so f├╝r mich.

    Aber wie sagt man hier in K├Âln so sch├Ân: Jeder Jeck ist anders. Aber da du dir schon so viele Gedanken zum Thema Abschied gemacht bist, bin ich mir sicher, dass du deinen Weg findest. Auch wenn es noch ein bisschen Zeit braucht, denn der Tod deiner Mama ist ja noch gar nicht so lange her.

    Ich w├╝nsche dir von ganzem Herzen alles Gute daf├╝r!

    Alles Liebe
    Karin

  5. Es ist sehr, sehr traurig, diesen Text zu lesen. Ich kann gut verstehen, dass du es als Mammutaufgabe empfindest. Nimm dir Zeit! Bei mir war es etwas anders, als mein Vater, zu dem ich nie ein gutes Verh├Ąltnis hatte, gestorben ist. Ich habe ein paar Erinnerungen aus seiner Wohnung geholt und dann eine Entr├╝mpelungsfirma beauftragt. Diese hatte mir noch alte Briefe gegeben, die sie noch gefunden hatte. Wir mochten uns nie, ich bin aber dennoch traurig, das wir kein besseres Verh├Ąltnis versucht haben.

    • Danke f├╝r deinen Kommentar Toni! Die Zeit nehme ich mir, gerade jetzt in diesen turbulenten Zeiten. Und ich kann verstehen, dass du traurig bist!

      Alles Liebe und Gute,
      Karin

  6. Liebe Karin,

    ich liege gerade die ganze Nacht wach und habe Dich dabei zuf├Ąllig ergoogelt.

    Gestern hatten meine Schwester ein erstes Verkaufsgespr├Ąch f├╝r unser Elternhaus und die Situation w├╝hlt mich emotional wohl so sehr auf…

    Die letzten 1,5 Jahre waren einfach schrecklich: Im letzten Juli ist erst unsere Mutter nach einem f├╝rchterlichen Krankheitsverlauf (einem aggressiven Hirntumor, der uns von der Diagnose bis zu ihrem Tod nur neun Wochen gelassen hat) verstorben und vor drei Monaten ist nun auch unser Vater von uns gegangen.

    Jetzt stehen wir also davor, unser Elternhaus auszur├Ąumen und beim Lesen Deines Textes kamen mir sofort die Tr├Ąnen.

    Jedesmal, wenn ich nach Hause komme, bilde ich mir ein, das Gesicht meiner Mutter durch das K├╝chenfenster zu sehen – und auch ich klingle noch jedesmal in der absurden Hoffnung, sie kurz darauf um die Ecke biegen zu sehen und ein freudiges ÔÇ×Ja wer kommt denn da?!ÔÇť zu h├Âren…

    Ich habe so grosse Angst, nicht die richtigen Dinge zum Aufbewahren zu w├Ąhlen… etwas wegzuwerfen, was meinen Eltern viel bedeutet hat oder nach einigen Jahren zu denken, ÔÇ×ach h├Ątte ich doch nur dieses oder jenes als Andenken behalten…ÔÇť

    Mit dem Haus verliere ich mein Nest, meine Kindheit, meinen Zufluchtsort (das h├Ârt sich absurd an, schlie├člich bin ich 45 Jahre alt, bin verheiratet und stehe mitten im Leben) und heute Nacht habe ich das Gef├╝hl, daf├╝r noch nicht bereit zu sein.

    In den ersten Wochen nach Papas Tod habe ich gemerkt, an welchen Gegenst├Ąnden ich wirklich h├Ąnge: am alten Brotmesser samt Schneidebrett, das schon zu meiner Kindheit benutzt wurde oder dem ollen abgewetzten Keramikbecher, in dem
    Mama mir immer den heissen Kakao gebracht hat, wenn ich traurig war.
    Auch ich habe ├╝brigens eine Strickjacke von Mama mitgenommen, um etwas von ihr zum Einkuscheln zu haben…

    Drau├čen beginnen jetzt die V├Âgel zu zwitschern und den neuen Tag zu begr├╝├čen und ich versuche wohl noch einmal, doch noch etwas Schlaf zu finden.

    Danke f├╝r Deine Seite, die mir zeigt, dass ich mit meinen Gef├╝hlen nicht allein bin!

    Alles Liebe
    Conny

    • Liebe Conny,

      ich glaube, ich kann so sehr verstehen, was du f├╝hlst. Noch ist mein Elternhaus nicht verkauft, aber wenn wir das erste Gespr├Ąch f├╝hren, wird das glaube ich ein sehr, sehr emotionaler Moment f├╝r mich.

      Und hey, ich bin 42 Jahre alt und kann das mit dem Nest, der Kindheit und dem Zufluchtsort total gut verstehen. Ich finde es so ungewohnt, dass man pl├Âtzlich so ganz ohne Eltern dasteht und das ging ja bei dir auch wahnsinnig schnell. Die letzten 40 Jahre waren sie doch da.

      Ich danke dir sehr f├╝r deinen Kommentar und w├╝nsche dir von ganzem Herzen alles Gute f├╝r diesen Schritt. Wenn du weiter davon berichten magst, w├╝rde ich mich sehr dar├╝ber freuen!

      Alles Liebe
      Karin

      • Hallo Karin ,

        ich bin sehr froh, dass ich deine Seite gefunden habe, ich muss noch mehr lesen bei dir.
        Ich stecke gerade in der Lage, dass ich meine Mutter vor genau 7 Wochen verloren habe und auch wir m├╝ssen nun bald das Haus ausr├Ąumen.
        Meine Mutter ist 81 Jahre geworden und war sehr lange gut drauf.
        Aber dann …
        Innerhalb von knapp vier Wochen ist aus meiner Mama, die immer auf ihre W├╝rde bedacht war, ein Schwerstpflegefall geworden.
        Seit sie zu weiteren Untersuchungen ins Krankenhaus ├╝berwiesen worden war ging es rapide bergab. Meine Mutter wurde sehr schwach und konnte viele Untersuchungen aufgrund ihres k├Ârperlichen Zustandes gar nicht mehr machen.
        Es war auch nicht mehr n├Âtig. Unbarmherzig stand die Diagnose im Raum: Brustkrebs mit Metastasen im ganzen K├Ârper. An den Knochen, im Magen, an der Leber… Nichts mehr zu machen.
        Sie wollte nur noch nach Hause .
        Wir wurden regelrecht ├╝berrollt von den Ereignissen.
        Man k├Ąmpfte sich durch Papierberge … Pflegeantrag, Pflegebett, Toilettenstuhl. Das alles zus├Ątzlich zu der Belastung, dass Mama nicht mehr allein sein konnte und durfte. Denn der k├Ârperliche Abbau war so schnell, dass wir es nicht fassen konnten. Jeden Tag wurde es schlimmer. Konnte sie am Anfang noch selbst stehen, wurde es t├Ąglich weniger.
        Sie konnte nichts mehr essen, weil ein W├╝rgef├╝hl sie ersch├╝tterte, wenn sie nur Essen sah, das Trinken ging am Anfang noch, zum Schluss auch das nicht mehr, sie konnte auch nicht mehr schlucken und hatte ├╝berhaupt keine Kraft mehr, konnte aber auch das nur Liegen fast nicht ertragen.

        Hilflos standen wir vor diesem Elend. Tag und Nacht war jemand bei ihr. Zwei Wochen haben wir jeden Tag mehr Verfall bei Mama gesehen. Aufgrund der Schmerzen und des seelischen Leids bekam sie dann die Mittel, die ihr gn├Ądig erlaubten, zu d├Ąmmen, aber trotzdem hat sie alles geh├Ârt, was wir gesagt haben. Geistig war sie n├Ąmlich noch voll auf der H├Âhe, w├Ąre besser gewesen wenn nicht….
        Sie ist dann gestorben, als ich f├╝r 20 Minuten aus dem Zimmer gegangen war, das hat mir l├Ąnger ein schlechtes Gewissen gemacht, aber wahrscheinlich musste es so sein.
        Ich, 60 Jahre, und meine Schwester, 53, f├╝hlen uns irgendwie einsam und entwurzelt, ich finde es ohne Eltern kein bisschen sch├Ân.

        Tja und nun stehen wir vor dem vollen Elternhaus, in dem auch noch Sachen von meinen Gro├čeltern sind, da meine Mutter auch nicht alles von denen wegwerfen wollte.
        Aber es ist nicht nur das Ausr├Ąumen, was mir bevor steht, mir kommen schon jetzt die Tr├Ąnen deswegen.
        Ich stehe nun auch vor der Entscheidung, ob ich mit 60 Jahren noch hingehe und einen Kredit aufnehme, meine Schwester auszahle, das Haus saniere und dann selbst einziehe.

        Mein Mann und ich haben seit 21 Jahren ein Haus gemietet, aus dem wir eh raus wollen, weil es viel zu gro├č ist. Da ich noch f├╝r die Kinder zuhause geblieben bin, haben wir bisher nicht geschafft Eigentum zu erwerben. Jetzt k├Ânnte ich es noch und zwar zu einer Rate, die ich auch als Miete bezahle.
        Nur – ich kann nicht entscheiden, ob ich das machen will.
        Ich kann nicht absch├Ątzen, ob das nach einer Sanierung tats├Ąchlich MEIN Haus wird, oder ob das immer Mamas und Papas bleiben wird.
        Ich habe gro├če Angst davor, dass ich mich nicht wohl f├╝hlen k├Ânnte.
        Andersrum habe ich meinem Vater versprochen mich um das Haus zu k├╝mmern.
        Ich weiss einfach nicht, wie ich zu einer Entscheidung kommen kann – und ecke damit schon an allen m├Âglichen Ecken an.
        K├Ânnt ihr mir einen Ratschlag geben, kann das Elternhaus auch das eigene Haus werden??
        Danke und LG Monika

        • Liebe Monika,

          ich danke dir f├╝r deinen Beitrag. Es tut mir so leid zu lesen, dass es deiner Mama so schnell so schlecht ging. Ich f├╝hle mit deinen Worten.

          Zum Thema Elternhaus. Bei mir ist das so: Ich h├Ątte es im Leben niemals gedacht, aber wegen Corona haben wir f├╝r gut drei Monate im Haus meiner Eltern gelebt. Das war eine ganz spontane Entscheidung und ich hatte zu Beginn Zweifel, wie sich das wohl anf├╝hlen wird. Habe ich das Gef├╝hl, dass meine Eltern st├Ąndig um die Ecke kommen? F├╝hle ich mich nur als Besucher? Meine Erfahrung: Es war total wunderbar und genau richtig. Wir haben so viele eigene Erlebnisse draufgesetzt, dass ich gar nicht mehr so oft an meine Eltern gedacht habe und es irgendwie zu unserem Corona-Haus wurde. Wei├čt du, was ich meine?

          Und Zeit und Abstand brauchte ich daf├╝r. Ich k├Ânnte mir vorstellen, dass es ein paar Wochen nach dem Tod meines Vaters anders gewesen w├Ąre. Aber das ist nat├╝rlich alles total subjektiv und nur meine Erfahrung.

          Ich w├╝nsche dir von ganzem Herzen alles Gute f├╝r deine Entscheidung liebe Monika! Wenn du magst, berichte gerne davon!

          Alles Liebe
          Karin

          • Hallo Karin,

            ich habe grade durch Zufall deinen Blog gefunden, da mir genau da jetzt bevorstehtÔÇŽ das Haus meiner Mutter auszur├Ąumen.. ich habe deinen Text & den der anderen gelesen und angefangen zu heulen wie ein Schlosshund. Ich stehe vor diesem Riesen Berg an Arbeit & emotionalen Stress und habe keine Ahnung wie ich anfangen soll. Mein Vater ist vor 5 Jahren gestorben, das war schon hart, als meine Mutter letztes Jahr vollkommen ├╝berraschend verstorben ist hat es mir den Boden unter den F├╝├čen weggerissen..

            Was mache ich mit den Dingen die die beiden so geliebt haben, mit den M├Âbeln, mit den erinnerungsst├╝cken usw?! Ich wei├č es nicht.. oft denke ich, ich ruf schnell Mama an und frage sie nach Rat, dann f├Ąllt es mir wieder ein..

            Ich denke das wird jetzt viel Wein, Taschent├╝cher & Streit bedeuten, meine Frau ist bei mir und hilft, aber manchen Schmerz kann man nicht teilen.

            Liebe Gr├╝├če,
            Marcus

  7. Auch wenn der Partner stirbt, werden viele Dinge nicht mehr gebraucht. Mein Mann starb pl├Âtzlich im Oktober 2018 mit 41 auf einer Segelreise mit seinen Freunden. Ich habe sofort alle Schuhe und Jacken aus dem Sichtfeld ger├Ąumt. Relativ schnell habe ich im Kleiderschrank Platz gemacht. Allerdings so, dass die Kids es nicht gleich gemerkt haben. Seine letzte Reisetasche konnte ich erst nach ├╝ber einem Jahr ausr├Ąumen. Einige seiner Lieblingsteile und den Hochzeitsanzug habe ich nach 2 Jahren auf dem Boden deponiert (auch mit unseren Eheringen). In der Nacht zuvor hab ich getr├Ąumt, dass er seine Reisetasche abgeholt hat. Es war wie ein Abschied – ich hatte echt das Gef├╝hl, dass er neben meinem Bett stand.
    Den Kids (damals 8 und 12) habe ich Kisten gekauft, wo sie Erinnerungsst├╝cke sammeln k├Ânnen. Es gibt noch einen Schrank voll mit Jacken, an die ich mich einfach noch nicht rantraue. Meinem Sohn werden diese sicher nie passen.

    • Liebe Sigrid,

      ich danke dir sehr f├╝r deine Erfahrungen. So heftig, dass dein Mann so jung so pl├Âtzlich gestorben ist. Das tut mir sehr leid f├╝r dich und deine Familie.

      Dass du das Gef├╝hl hattest, dass dein Mann seine Tasche abgeholt hast, ber├╝hrt mich sehr. Und ich finde es auch sehr sch├Ân, dass deine Kinder Erinnerungskisten haben.

      Alles Liebe und Gute f├╝r dich,
      Karin

  8. Vera Strathmann

    Hallo und guten Abend,
    ich suche gerade danach, wie andere Menschen mit Herz mit derartigen Situationen umgehen. Der Eintrag von Mopee ├Ąhnelt dem meinen. Danke f├╝r diese Offenheit, denn man f├╝hlt sich so einsam und alleine. Mit meinen Kindern und Ehemann kann ich garnicht dar├╝ber reden. Dabei ist ein „in den Arm nehmen“ das stabile Heilpflaster, was n├Âtig gebraucht wird.
    Im Jan. 2021 habe ich meinen Bruder auf seinen Wunsch ins KH gebracht, in der Annahme, er h├Ątte ein Magengeschw├╝r oder ├Ąhnliches. Sechs Wochen sp├Ąter starb er. Ich war t├Ąglich bei ihm bis zum Tot, wie in Trance. Meine/unsere Mutter starb bei Bekanntgabe seiner Erkrankung jeden Tag ein St├╝ck „weg“ und schlie├člich nach einem emotional schrecklichen Jahr, f├╝r sie sehr schmerzhaft, ging sie auch. Unser Vater ist schon sehr lange Tot und fehlte in der Familie als „Leittier“ ungemein, sodass sich seit seinem Tot nicht mehr viel vorw├Ąrts bewegte. Nun blieben noch wir 4 T├Âchter/Schwestern zur├╝ck, unterschiedlich in Charakter und Gesinnung, wie sie nicht sein k├Ânnten. Unsere Mutter hat das Haus f├╝r uns „Kinder“ als Zufluchtsort und aufrecht erhalten und es war eine wohlige und guttuende Anlaufstelle. Es ist unglaublich, nein schmerzhaft, wie pl├Âtzlich achtlos, emotionslos ohne Emphatie so etwas ausger├Ąumt, vernichtet und schnell, schnell „entsorgt“ und verkauft werden kann. Ich bin ├╝ber meine Schwestern fassungslos, traurig und entt├Ąuscht, habe von dem 24-StundenTag wenig Momente, einmal abzuschalten und zu denken „alles ist richtig gemacht worden“. Gerne h├Ątte ich das in Ruhe, St├╝ck f├╝r St├╝ck, mit viel Zeit gemacht, um Abschied zu nehmen von dem , was mich, uns alle ausmachte. Die Trauer ├╝ber den Verlust von Bruder und Mutter sowie unser Elternhaus l├Ąsst mich nicht zur Ruhe kommen und ich habe Angst, dass es mich zernagt. Was l├Ąsst mich nicht los? Hinzuf├╝ge die Kraf n m├Âchte ich, dass Tot, Haus ausr├Ąumen und verkaufen nicht einmal ein halbes Jahr dauerte. Ich sch├Ąme mich sehr daf├╝r.
    Insgesamt m├Âchte ich allen , die hierzu schreiben, mitteilen, dass mir unweigerlich die Tr├Ąnen laufen!! Warum ist man so wenig auf das alles vorbereitet? Aber danke f├╝r die Kraft, in diesen Tagen, Stunden, Wochen die Kraft gehabt zu haben, diese, unsere Herzensmenschen begleitet zu haben.

    Seid umarmt und alles alles liebe f├╝r euch…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht ver├Âffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.