Das Elternhaus ausräumen.

Ich habe gerade zwei Mal geklingelt. Wie immer, wenn ich zu meinen Eltern nach Hause gekommen bin. So eine Art geheimer Klingelcode, trotz meines Haustürschlüssels. Zwei Mal klingeln, ich bin da. Es macht nur niemand mehr die Tür auf. Meine Eltern sind tot. Das Haus ist leer.

Jetzt sitze ich am Küchentisch, den mein Vater selbst gebaut hat, auf meinem Platz. Die Plätze waren in unserer Familie fest vergeben. Auch wenn wir in der letzten Zeit nicht mehr so oft alle zusammen gesessen haben, so hatte doch jeder seinen Platz.

Was mir am Schwersten fällt, ist diese Stille. Diese Stille dort, wo doch so viel Leben war. Nur diese verdammte Uhr tickt. Draußen im Garten läuft der Mähroboter und tut so, als wäre alles wie immer. Ist es aber nicht.

Nach und nach räumen meine Schwester und ich das Haus aus. Angefangen mit den Dingen ohne größere emotionale Bedeutung wie Lebensmittel, Tupperdosen, Handtücher, Bettwäsche hin zu denen, die uns viel bedeuten: Aufzeichnungen, Fotos.

Eigentlich hängt an fast jedem Stück eine Erinnerung: meine Katzentasse, aus der ich in meiner Kindheit meinen Kakao getrunken habe und später immer meinen Milchkaffee serviert bekommen habe. Die nehme ich mit und die bekommt einen Ehrenplatz. Eine Strickjacke meiner Mama habe ich am Tag ihres Todes angezogen und mitgenommen. Immer wieder trage ich sie und sie erinnert mich so sehr an sie. Gewaschen habe ich sie in den letzten zweieinhalb Jahren nicht. Ein Projekt sind auch die 65 Fotoalben, die unsere Mama liebevoll angefertigt hat und die wir nach und nach durchschauen und sortieren.

Bei jedem Stück im Haus überlegen wir, kommt das weg, nimmt das einer von uns mit oder kann es vielleicht irgendwie noch einem guten Zweck dienen: wie das Insulin bzw. die Diabetes-Sachen meines Vaters, Klamotten, Bettwäsche etc.

Und dann der ganze organisatorische Kram. Fernsehen und Internet sind längst gekündigt, die Abschläge für Strom und Gas sind reduziert, die Hausratversicherung umgestellt und die Wohngebäudeversicherung kann bestehen bleiben. Dann natürlich alles auf uns ummelden. Und wie funktioniert das eigentlich mit der Grundbuchberichtigung? So vieles, an das man denken sollte.

Und auch so vieles, das man erst mal verstehen muss. Wie funktioniert das mit der Heizung? Was ist bei der Klospülung kaputt? Warum läuft besagter Mähroboter nicht und bleibt in seinem Häuschen? Wo finde ich die entsprechenden Anleitungen und Unterlagen? Was mache ich eigentlich mit den Klamotten meiner Eltern?

Ich finde, so ein Elternhaus leerzuräumen ist ein Großprojekt. Ein organisatorisches und ein emotionales. Was ich gemerkt habe? Ich brauche Zeit dafür. Zeit, die Dinge in Ruhe zu machen um innezuhalten und Abschied zu nehmen. Auch wenn schon jede Menge Interessenten mit den Hufen scharren, die Zeit lasse ich mir nicht nehmen. Noch bin ich nicht an dem Punkt das Haus, das 37  Jahre lang mein Elternhaus war, loszulassen. Aber ich weiß, dass der Moment kommen wird, an dem ich bereit dafür bin.

Wenn ich mich gleich wieder auf den Weg mache, dann mache ich die Warnblinkanlage an. Wie immer, wenn ich oder wenn wir gefahren sind. Meine Eltern und später mein Vater haben immer an der Haustür oder aus dem Arbeitszimmerfenster zum Abschied gewunken. So habe ich meine beiden Eltern das letzte Mal gesehen, bevor sie gestorben sind. Ich bin noch nicht bereit, ohne zu fahren.

Wie ist das bei dir? Hast du auch schon mal eine Wohnung oder ein Haus ausgeräumt oder steht dir das Ganze bevor? Was waren wichtige Dinge für dich? Ich würde mich riesig freuen, wenn du mir – gerne per Kommentar – davon berichtest. Danke, dass du meinen Beitrag gelesen hast.

2 Kommentare zu “Das Elternhaus ausräumen.

  1. Boah, mir sind gerade die Tränen gekommen. Puh. Traurig und schön.
    Ich fühle ein bißchen nach, wie das Haus meiner Großeltern ausgeräumt wurde. Als Kind habe ich immer gesagt: hier werde ich später wohnen.
    Jetzt ist das große Bauernhaus mit dem riesigen Garten, Hühnerstall und Karpfenteich verkauft. Es war und ist immer noch ein Prozess des Loslassens.
    Was für eine Aufgabe, Karin. Und gut, dass du dir den Raum dafür nimmst.

    • Wow, danke Kerstin. Ich freue mich sehr, dass meine Gedanken und Erfahrungen dich berührt haben. Und danke für die lieben Worte. Ich übe das Loslassen jeden Tag ein Stück und so wie es für mich passt. Danke.

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