Mein Papa ist tot.

Ich bin jetzt ohne Eltern. Keiner mehr da. Keine Generation mehr über mir. Mein Anker ist weg. Meine Eltern waren immer für mich da. Ganz kompromisslos. Emotional und finanziell.

Ich wusste, ich kann immer zu meinen Eltern gehen. Sie helfen mir. Egal, was für einen Sch* ich gebaut habe. Ob ich im Studium mal über meine finanziellen Verhältnisse gelebt habe oder Hals über Kopf eine lange Beziehung beendet habe. Sie waren immer für mich da. Vor meinen Eltern musste mir nix peinlich sein. Wir haben immer eine Lösung gefunden. Was nicht bedeutet, dass immer alles eitel Sonnenschein war.

Meine Eltern haben mich aufgefangen.

Jetzt bin ich 41 Jahre alt und habe keine Eltern mehr. Es fühlt sich irgendwie entwurzelt an. Es ist ganz still in meinem Elternhaus. Gestern war die Beerdigung meines Vaters. Danach haben wir es im Haus nochmal krachen gelassen. Meine Schwester und ich haben erstmal einen Vodka auf unser Papilein getrunken.

Nun ist das Haus leer. Und das wird es bleiben.

Mein Vater war krank. Sehr krank. Und er war sehr, sehr traurig, dass meine Mama nicht mehr bei ihm war. Sie waren mehr als 50 Jahre verheiratet.

Er war ein Kämpfer. 1956 ist bei ihm Diabetes Typ 1 diagnostiziert worden. Das bedeute damals Blutzucker messen und Insulin spritzen im Krankenhaus. Jeden Tag.

Nach seinem Tod habe ich in seinen Aufzeichnungen gelesen, dass er im zweiten Weltkrieg mit ungefähr sechs Jahren mit seiner Schwester und seinem Bruder seine Mutter vor dem „Russen“ versteckt hat. Die Russen haben in Ostpreußen Treibjagd auf Frauen gemacht um sie zu vergewaltigen. Sie hat sich unterm Bett versteckt und die Kinder sollten laut schreien, damit die Russen schnell wieder gehen. Als technischer Zeichner hat er eine genaue Skizze des Raumes angefertigt. Diese Geschichte lässt mich nicht los.

Seit meine Mutter vor gut zwei Jahren gestorben ist, war mein Vater traurig. Er hat gesagt, dass Leben muss weitergehen. Er hat viel versucht und einige Dinge, wie das Singen im Chor, haben ihm etwas Auftrieb gegeben. Unterm Strich hat es nicht gereicht, die Sehnsucht war zu groß.

Er hat nicht mehr gegessen. Alle Gerichte, die er kannte, haben ihn an sein Schätzchen erinnert. Er konnte es nicht essen. In Gesellschaft essen ging, alleine nicht. Am Ende hat er 48 Kilo gewogen. Er hat ganz viel Reis – meistens ohne irgendetwas anderes – gegessen. Essen, das ihn nicht an seine geliebte Frau erinnert hat.

Meine Schwester und ich wollten für ihn kämpfen. Haben immer wieder versucht, es irgendwie besser zu machen. Wollten es für ihn lösen. Aber irgendwann wollte er nicht mehr. Mit dem Tod seiner Frau war sein Sinn weg. Nicht sofort. Aber alles, was er versucht hat, konnte dieses große Gefühl von Einsamkeit nicht vertreiben. Die Abende und die Nächte waren am härtesten. Und der Winter. 

Irgendwann vor zwei Monaten hat er resigniert. Plapperte er davor noch wie ein Wasserfall, wenn man mit ihm telefoniert hat oder bei ihm war, sprach er dann kaum mehr. Ich wüsste so gerne, was in ihm vorgegangen ist. Fragen dazu hat er nicht beantwortet.

Ich glaube, für ihn war es einfach genug. Neben der Traurigkeit wurde er auch körperlich immer schwächer. Seine Medikamente, sein Blutzucker oder auch die Kontrolle seines Herzschrittmachers waren ihm egal. Meine Schwester und ich haben den Pflegedienst engagiert, der ihm erst bei der Medikamenteneinnahme und die letzten zwei Tage vor seinem Tod bei der Zubereitung der Mahlzeiten geholfen hat. Eine ganz wunderbare Frau hat schon vorher für ihn gekocht.

Der Pflegedienst hat ihn auch am Morgen des 7.7.2019 tot gefunden. Irgendwann in der Nacht ist er gestorben. Das Blutzuckermessgerät zeigt eine letzte Messung um 21:52 Uhr mit einem Blutzucker von 147 an. Er hatte den Hausnotruf am Arm, von dem wir ihn dann doch noch überzeugt hatten. Er hätte drücken können.

Es muss schnell gegangen sein und das beruhigt mich sehr. Er wollte immer in seinem geliebten Haus bleiben, dass er nach seinen Vorstellungen gebaut hat. Ein Holzwurm war er. Tischler hat er ganz zu Anfang gelernt. Lieber wäre er auf das Gymnasium gegangen. Das durfte er aber nicht, er musste Geld verdienen und von seinen 25 Mark Lehrlingsgehalt 20 Mark seinen Eltern geben. Vieles, was er erlebt hat, ist für mich und meine Generation unvorstellbar.

Was nun bleibt sind die Erinnerungen. Wie er friedlich daliegt. Ganz losgelöst. Tot habe ich ihn so entspannt gesehen, wie die letzten zwei Jahre davor nicht. Mit einem kleinen Lächeln im Gesicht. Als wollte er sagen: „Jetzt habe ich es geschafft. Jetzt muss ich nichts mehr.“ Hatte ich bei meiner Mutter noch Riesenangst davor sie tot zu sehen, war es jetzt ein sehr schönes Erlebnis. Wir haben auch die Kinder mit ans Totenbett genommen. Sie haben wunderbar unbefangen reagiert. Wir haben zusammen geweint und gesungen.

Es bleiben die guten und auch die nicht so guten Erinnerungen. Ein ganz schöner Sturkopf war er. Ein hartnäckiger Kämpfer mit seinen ganz eigenen Vorstellungen. Damit konnte er seine Frau, seine Kinder, seinen Tischtennisverein, seine Kollegen und seine Ärzte zur Weißglut bringen. Ein Missionar in Sachen Bewegung. Ohne die wäre er mit seinem Diabetes keine 80 Jahre alt geworden. Er wird mir unendlich fehlen.

Aber ich freue mich, dass er gehen durfte. Jetzt. In seinem geliebten Haus. Und nicht in einem Krankenhaus oder einem Pflegeheim.

Meine Wurzeln sind rausgerissen. Ich habe keine Eltern mehr. Mein Elternhaus wird es bald in dieser Form nicht mehr geben. Es war klar, dass wir es verkaufen werden. Das wusste er, auch wenn es ihm so viel bedeutet hat.

Ich will versuchen neue Wurzeln zu schlagen. Für meine Kinder, die so früh lernen mussten, mit so vielen Verlusten umzugehen. Ihnen ein Anker zu sein. Ihnen mit meinem Mann das Gefühl zu geben, dass sie immer zu mir, zu uns kommen können. Egal, was passiert. Das fühlt sich noch ungewohnt an. Aber es ist ein gutes Projekt. So ist das Leben. Der Tod gehört dazu. Und auch ich werde irgendwann sterben und kann nur hoffen, dass das noch sehr lange dauert. Ich kann nur akzeptieren, was ist und das Beste daraus machen. 

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